Ein lange Geschichte

Betrug am eigenen Leib zu erfahren, ist immer auch die Erfahrung einer Niederlage. „Wie konnte das mir passieren? Gerade mir! Bin ich etwa zu blöd?“ Nun, das sind sicher interessante Themen. Allerdings nicht immer auch für die Allgemeinheit. Deshalb soll dieser Teil der Geschichte hier nicht ausführlich erzählt werden. Für die Allgemeinheit dürfte interessanter sein, wie die Unterschlagungen aus dem Vermögen von Andreas Thimm nach Jahren doch noch entdeckt wurden. Die „schweren“ Unterschlagungen, die jetzt Gegenstand der  Anklage gegen Frau Vehse sind. Vielleicht fühlt sich jemand angeregt, die eigenen Unterlagen überprüfen zu lassen.

Vorgeschichte
Zum Verständnis nur so viel: Die Zusammenarbeit zwischen Harald Wolff und Janette Vehse entwickelte sich von scheinbar erfreulich zu denkbar unerfreulich. Am Ende der Zusammenarbeit räumte Janette Vehse den Raum, in dem sie für die Gesellschaften, die mehrheitlich Harald Wolff gehören, gearbeitet hatte, vollständig aus. Sie nahm sämtliche Kundenunterlagen, Buchhaltungsunterlagen, Firmenunterlagen, den Arbeitsplatzcomputer und die Möbel mit. Nichts war mehr da. Sie verhinderte weiterhin den Zugang zu den Bankkonten und stahl sogar die Firmenlogos, indem sie sie auf ihren Namen registrieren ließ. Nur der Alleingeschäftsführer und Mehrheitsgesellschafter blieb zurück. In einem leeren Büro. Auch noch die Telefone auf ihr neues Büro umzumelden, misslang Frau Vehse, da die Telefongesellschaft beim rechtmäßigen Teilnehmer nachfragte.

So saß nun der im doppelten Sinne Alleingeschäftsführer der Firma Soluciones Europeas Finanzzentrum S.L. (Soluciones) allein in seinem Büro und musste Kundenanfragen mit Ahnungslosigkeit beantworten. Er hatte keinerlei Überblick über die Geschäftsvorfälle, keinerlei Unterlagen. Keine angenehme Erfahrung! Um es kurz zu machen - die Anwälte bekamen Arbeit. Zu dem gesamten Komplex, der neben Diebstahl, Untreue, Unterschlagung auch Urkundenfälschung enthält, gibt es ein umfangreiches Ermittlungsverfahren beim Untersuchungsgericht Denia. Das Verfahren dauert, auch aufgrund von Verzögerungen durch Janette Vehse, weiterhin an und sollte gelegentlich vom Untersuchungsgericht an die Staatsanwaltschaft übergeben werden. Soluciones war arbeitsunfähig, erledigt. Nach ein paar Monaten gab Janette Vehse Firmenunterlagen wie Gründungsurkunde, Steuerausweis und ähnliche zurück. Der Computer, der „zurückgegeben“ wurde, enthielt keinerlei Daten. Es stellte sich heraus, dass Vehse diesen Computer eigens über Ebay in Deutschland beschafft hatte, um die Computer auszutauschen. Im September 2013, etwa ein halbes Jahr, nach der Büroräumung, brachte eine Mitarbeiterin des Steuerbüros, mit dem Soluciones zusammen arbeitete, einen Karton mit Belegen. Unsortiert, ohne Konten, ohne nachvollziehbare Buchhaltung. Zugang zu den Bankkonten hatte Harald Wolff immer noch nicht, weil Vehse als vorherige Geschäftsführerin versäumt hatte, Bilanzen einzureichen und deshalb kein Handelsregisterauszug zu bekommen war. Die Passwörter hatte sie geändert, um auch den Zugang zum Online-Banking zu blockieren.

Erste Spur
Nun saß der einsame Geschäftsführer immerhin mit einem Haufen Belege da. Nächtelang (tagsüber hatte er mit Solvida genug Arbeit) blätterte er durch die Belege. Auf der Suche nach Erkenntnis. Da gab es Ausgabebelege, Einkaufsquittungen, Lieferantenrechnungen, Porto usw. Auch Einnahmebelege gab es, Kundenrechnungen und ähnliches. Ohne Bankkontoauszüge, Kassenbuch und Buchhaltungskonten konnte Harald Wolff daraus nicht so recht schlau werden. Eines Nachts fiel ihm etwas auf: Soluciones hatte über 1.000 Euro Steuern für einen Mandanten bezahlt. Es gab aber keinen Hinweis darauf, dass der Mandant diese Auslage zurückgezahlt hatte. Es gab überhaupt keinen Hinweis darauf, dass dieser Mandant überhaupt etwas bezahlt hatte. Wolff fragte bei dem Mandanten, Andreas Thimm, nach. Dieser, ein äußerst korrekter junger Mann, fiel aus allen Wolken. Er schickte alle seine Unterlagen und Kontoauszüge zur Überprüfung an Harald Wolff. Damit kam eine Lawine ins Rollen!

Nebengeschichte
Andreas Thimm hatte seinen Vater beerbt, der 2009 in Denia gestorben war. Für die Abwicklung hatte er Janette Vehse bevollmächtigt. Zum Vermögen des Vaters gehörte ein schickes kleines Auto, ein Peugeot 207 CC, ein Cabrio Coupé. Als Harald Wolff Janette Vehse damit herumfahren sah und nach dem Grund fragte, antwortete sie, der Erbe habe sie gebeten, das Auto zu bewegen, damit es keine Standschäden bekommt. Na ja! Als Wolff längere Zeit später erneut nachfragte, lautete nunmehr die Auskunft, sie habe das Auto privat gekauft. Na gut! Es gab keinen Grund, das anzuzweifeln. Mitte 2013, 4 Jahre nach dem Tod des ursprünglichen Eigentümers, kam plötzlich die Käuferin des Hauses der Familie Thimm auf Wolff als Geschäftsführer von Soluciones zu und beklagte sich, dass immer noch Strafzettel auf den Namen des Verstorbenen bei dessen ehemaliger Adresse ankämen. Sie legte einen Strafzettel wegen Geschwindigkeitsüberschreitung am 2. Juli 2013 vor. Ausgestellt auf den Vater Thimm als Fahrzeughalter. Das war merkwürdig. Wenn Vehse das Auto gekauft hatte, warum meldete sie es nicht um? Jahrelang! Also fragte Wolff bei Thimm zurück. Die interessante Antwort war, dass nicht Vehse, sondern Soluciones, Geschäftsführerin Janette Vehse, das Auto gekauft und den Kaufpreis mit einem Honorar verrechnet hätte. es gibt einen ausgiebigen Schriftwechsel dazu, garniert mit einer wilden Lügengeschichte von Frau Vehse. Nur - Soluciones verfügte weder über das Auto, noch über das Geld. Bis heute! Auch dieser Vorgang ist Gegenstand des umfangreichen Strafverfahrens gegen Vehse. Durch Vorlage eines laut Gutachter gefälschten Vertrages vor Gericht noch etwas pikanter geworden. Mit diesem Manöver hatte Frau Vehse das Verfahren wegen der Anforderung des Gutachtens zwar weiter verzögert, ihren wahrscheinlichen Aufenthalt im Strafvollzug aber wohl weiter verlängert.

Weiter mit der Abrechnung Thimm
Der korrekte Andreas Thimm hatte nicht nur die Unterlagen übermittelt, sondern auch seinen deutschen Steuerberater, der die Unterlagen zur Abwicklung der Erbschaftsteuer von Frau Vehse bekommen hatte, ermächtigt, diese zur Prüfung an Harald Wolff zu übermitteln. Der verglich die Papiere und staunte. Es gab eine schlüssige Abrechnung beim Steuerberater und verschiedene Zettel mit Gekritzel, aber ohne Abrechnung beim Mandanten. Viel interessanter war, dass die Beträge differierten. Belege mit identischer Belegnummer und identischem Datum hatten unterschiedliche Verwendungszwecke und Rechnungsbeträge. Doppelte Buchführung neu definiert! Das war zwar alles andere als korrekt, aber der konkrete Schaden für Thimm war nicht zu erkennen. Damit zu den Kontoauszügen des väterlichen Kontos, das der Sohn geerbt hatte. Hier gab es bei den Buchungen der Pflichtteile für die Miterben ein zunächst unverständliches Hin- und Hergebuche. Beträge um die 50.000 Euro gingen hin und her. Bei der Gegenüberstellung war der Sinn einer solchen Buchung nicht zu erkennen. Also Frage an die Bank: „Gibt es weitere Konten von Vater oder Sohn Thimm?“ Antwort: „Nein!“ Also Anforderung aller Belege. Na also: Da war ein Beleg zu einer Überweisung auf ein Konto von Andreas Thimm bei eben dieser Bank. Also doch! Anforderung der Auszüge zu diesem Konto! (Anmerkung: Stellen Sie sich das nicht so einfach vor! Die Bank war inzwischen von einer anderen Bank übernommen worden. Die Legitimation des Kontoinhabers Andreas Thimm wurde nicht anerkannt. Das Konto hatte ja die Bevollmächtigte, Janette Vehse, eröffnet. Die hatte auch unterschrieben und die Unterschrift von Andreas Thimm als Kontoinhaber bedeutete nichts. Also musste Thimm in Deutschland zum Notar, seine Unterschrift beglaubigen lassen und dann mit Haager Apostille bei der Bank vorlegen. Nach Prüfung durch die Rechtsabteilung gab es die Auskunft. Insgesamt 6 Monate Geduld!) Tatsächlich wurden rund 50.000 Euro auf dieses Konto überwiesen. An Andreas Thimm. Also alles korrekt? Schauen wir weiter:

Das zweite Konto
Am 12 April 2010 eröffnet Janette Vehse per Vollmacht ein Konto für Andreas Thimm. Bestückt wird es durch zwei Umbuchungen vom Konto des Vaters. Es werden einige Beträge überwiesen, Rechnungen bezahlt (u.a. die verauslagte Steuer, die Auslöser der Überprüfung war!). Am 1. Oktober 2010 hebt Janette Vehse den Restsaldo von 5.818,81 Euro in bar ab und das Konto wird geschlossen. Deshalb die Auskunft, es gäbe kein weiteres Konto. Ein Konto, das während eines Jahres eröffnet und wieder geschlossen wird, taucht später in keiner Liste oder Statistik auf. Die 5.818,81 Euro bekommt Thimm nie zu sehen. Bei der Betrachtung der Buchungen fallen drei Buchungen über jeweils rund 10.000 Euro auf. Am 20.4.2010 gehen 10.230,60 Euro raus. Am 03.05.2010 kommen 10.170,00 Euro rein. Am selben Tag gehen 10.200, 51 Euro wieder raus. Harald Wolff ist gelernter Bankkaufmann. Die Buchungen riechen nach einer Stornobuchung mit anschließender Korrektur. Also Belege anfordern! Und siehe da: Die erste Buchung geht an Andreas Thimm auf ein Konto bei der Volksbank Giessen. Die Bank schickt die Buchung zurück, weil Kontonummer und Kontoinhaber nicht übereinstimmen. Können sie auch nicht. Das Konto mit dieser Nummer gehört nämlich Janette Vehse. Am selben Tag die nächste Überweisung auf dieses Konto. Diesmal mit der Empfängerin Janette Vehse. Jetzt klappt es. Janette Vehse hat 10.200,31 Euro von Andreas Thimm auf ihrem Privatkonto.

Steuererstattung
Harald Wolff ist hellhörig geworden. Aus der Abrechnung des Hausverkaufs weiß er, dass die Käufer die Retencion, den Einbehalt von 3% des Kaufpreises ordnungsgemäß einbehalten und an das spanische Finanzamt abgeführt hatten. 6.020 Euro.

Die Erstattung dieses Einbehalts kann man beantragen, wenn die steuerliche Abwicklung des Verkaufs ordnungsgemäß erfolgt ist. Das war bei Thimm der Fall. Wolff fragt Thimm, ob er die Erstattung bekommen hat. Der weiß von nichts. Thimm lässt seinen Anwalt beim Finanzamt anfragen, ob die Erstattung erfolgt ist. Das Finanzamt bestätigt, dass die Erstattung am 22. Januar 2011 erfolgt ist. Auf das Privatkonto von Janette Vehse bei der Banco Santander in Denia. Selbst, nachdem Andreas Thimm die Unterschlagung bei Gericht angezeigt hatte, kam keine Reaktion von Janette Vehse. Anfang 2016 wird Vehse vor dem Untersuchungsgericht Denia befragt, ob die Erstattung erfolgt ist. Sie verneint entschieden. Auch nach Rückfrage. Dann wird ihr der Beleg vom Finanzamt vorgehalten. Sie kann sich nicht erinnern. „Muss prüfen!“ Kurz darauf überweist sie den einbehaltenen Erstattungsbetrag an die Gerichtskasse. Diese leitet das Geld an Andreas Thimm weiter. Immerhin!

Stand heute
Die Unterschlagungen in Sachen Thimm sind Gegenstand der Anklage, über die an anderer Stelle in diesem Blog berichtet wurde und auch Hintergrund des CBN-Artikels, der hier abgedruckt ist.

Die Angelegenheit mit dem Auto ist einer von vielen Punkten, die vor dem Untersuchungsgericht Denia untersucht werden. Erhebliche Verzögerungen dieses umfangreichen Verfahrens haben sich ergeben, weil Vehse sich mit Händen und Füßen über zwei Instanzen gewehrt hatte, die Festplatte des gestohlenen Firmencomputers herauszugeben, nachdem der Versuch mit dem untergeschobenen „Ersatzcomputer“ fehlgeschlagen war. Die Festplatte ist nunmehr beim vom Gericht eingesetzten Sachverständigen, um eventuelle Manipulationen herauszufinden und gestohlene Daten an den rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben.

Beide Verfahren gehen ihren Gang. Auch, wenn es in Spanien bis zu einem Urteil lange dauern kann, wird es kommen. Die Verurteilung von Frau Vehse zu einer empfindlichen Freiheitsstrafe ohne Bewährung ist durchaus wahrscheinlich. Irgendwann!

Es werden Wetten angenommen, wo Janette Vehse sich befinden wird, wenn sie feststellt, dass die Freiheitsstrafe unausweichlich ist. Und, wie sich die Leute herausreden werden, die sie heute noch als zuverlässige Partnerin für Vollmachten empfehlen.

Sie waren gewarnt - eine lange Geschichte!

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass weitere lange Geschichten folgen, wenn der eine oder andere Mandant sich entschließt, seine Abwicklung fachmännisch überprüfen zu lassen. Manche Tricks sind schwer - für Laien fast unmöglich - herauszufinden. Sie wissen ja, wer helfen kann!

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